Das Flugwesen, das entwickelt sich

Das Flugwesen, das entwickelt sichWeißwasser/O.L. / Běła Woda, 3. August 2021. Von Thomas Beier. Bei dieser Überschrift werden viele wissend auflachen und wohl noch mehr andere werden nicht wissen, weshalb. Hintergrund ist die Amiga-Schallplatte “Lyrik – Jazz – Prosa” aus dem Jahr 1968, deren darauf gebannte Prosatexte sowjetischer Autoren, gesprochen von Eberhard Esche und Manfred Krug, in der "DDR" viele auswendig kannten.

Abb: Start- und Landebahn in Nebel

Symbolfoto: Rande Knapmiller, Pixabay License

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Soschtschenkos Kuh im Propeller ist im Osten noch immer Kult

Einer der Autoren war Michail Michailowitsch Soschtschenko (1894-1958), dessen Lebenslauf – von der Gasvergiftung im Ersten Weltkrieg bis zur Verfolgung unter Stalin – die Zeitläufte widerspiegelt. Manfred Krug hatte Soschtschenkos 1923 geschriebene, in Deutschland als “Die Kuh im Propeller” und besonders durch den auf der Schallplatte erschienenen Mitschnitt aus dem Jahr 1965 bekannt gewordene Erzählung, vorgetragen.

Worum es ging? In der jungen Sowjetunion gewann die Luftfahrt an Bedeutung. Der an einer Flugschule als Wächter arbeitende Grigorij Kossonossow will im Urlaub unter den Bauern seines Heimatdorfes Geld für ein neues Flugzeug sammeln. Als er von Flugzeugunfällen mit Tieren erzählt, verscherzt er sich die neugierige Sympathie der Bauern schließlich endgültig. Von der titelgebenden Kuh im Propeller berichtet er begeistert: "Ritsch, ratsch, weg war sie!" und steigert sich auf die Frage der verängstigten Bauern, ob das auch Pferden passiere, zu einem tönenden "Auch Pferde!" Kossonossow kam ohne Spenden in die Fliegerschule zurück, weil die Bauern doch zu ungebildet seien. Viele Sätze aus der Erzählung wurden im Osten zu geflügelten Worten, etwa "Agitiert nur, agitiert nur!" oder "Die Bauern blickten finster drein."

Das Flugwesen im heutigen Landkreis Görlitz

Das Flugwesen hatte sich auch zwischen Weißwasser/O.L. und Görlitz entwickelt: Ab 1953 wurde bei Rothenburg/O.L. ein Flugplatz für die Sowjetarmee gebaut und bis 1990 von der Nationalen Volksarmee der "DDR" für den militärischen Flugbetrieb genutzt. Heute informiert der Verkehrslandeplatz Rothenburg/Görlitz mit einer Webseite der weniger anspruchsvollen Art Piloten, Flugschüler in spe und Besucher; so etwa über das Rothenburger Luftfahrtmuseum sowie darüber, dass im Restaurant "auch anspruchsvolle Gerichte zubereitet werden" können.

Mal ehrlich: Wer im Privatjet anreisen möchte könnte sich angesichts dieses Webauftritts noch im Landeanflug entschließen, wieder abzudrehen. Zwar informiert der Webauftritt sachlich, aber zwischen Attraktivität und Abschreckung ist es eben ein weites Feld. Ob man nicht aus den sprudelnden Strukturwandel-Fördermitteln den einen oder anderen Euro abzweigen könnte, um diese Webseite – Stand der Kritik Anfang August 2021 – aufzupolieren und wenigstens ansatzweise ein wenig Marketing einfließen zu lassen?

Ein Frage der Zielgruppe

Dann könnte man vielleicht eine ganz andere Klientel erreichen, wenn man sich auf deren Parkett zu bewegen versteht. Es gibt genügend Leute, die – regelmäßig oder als einmaliges großes Erlebnis – nicht per Massenabfertigung fliegen möchten und einen Privatjet chartern. Wer jetzt fragend guckt: Das ist ungefähr so wie der Unterschied zwischen einer Fahrt im großen Reisebus und im Luxus-Van. Auch wenn man es sich in der schier endlosen Weite der Heide entlang der Lausitzer Neiße kaum vorzustellen vermag: Es gibt sie, die Leute, die kurzerhand einen Privatjet mieten, um schon mit dem Einsteigen den Check-out aus dem Alltag zu starten und sich eine faszinierende Zeit in ganz anderer Umgebung zu gönnen – wobei: Manchem reichen schon ein-zwei Stunden Charterflug im Privatjet, um sich wie Jeff Bezos im Weltraum zu fühlen. Der hatte dort allerdings nur ein paar Minuten und das auch noch deutlich teurer.

Doch genau diese Klientel wird erstens im Web an anderer Stelle fündig und zweitens vermutlich nicht den Verkehrslandeplatz bei Rothenburg/O.L. ansteuern. Der wäre zwar von seiner Ausstattung her geeignet, müsste aber als Verkehrslandeplatz im kommunizierten Daseinszweck und im Marketing insgesamt nachlegen. Eine große Flugplatzanlage wie bei Rothenburg/O.L. kann doch nicht nur dazu da sein, Motorsegler, weitere Flugsportler und gelegentlich Geschäftsleute von unten nach oben oder wieder runter kommen zu lassen, einem Luftfahrtmuseum Raum zu bieten und ansonsten Solarstrom von der grünen Wiese zu holen!

Ja, Regionalflughäfen haben es finanziell nicht leicht. Will man aber Geld verdienen, muss man attraktiv sein und dafür als wichtigsten Investitionsfaktor Zeit einkalkulieren. Es geht nicht am Geld, sondern um die richtige Strategie. Die verbreitete Denke “Jetzt investieren wir und anschließend rollt der Rubel!” zeugt immer wieder von großer Naivität und verhindert zudem Entwicklungen, wenn man sich eben doch nicht sicher ist, ob der sprichwörtliche Rubel rollen wird. Wie es besser geht, kann man ein paar Kilometer südlich in der Geheimen Welt von Turisede studieren. Neben vielen weiteren Attraktionen lockt hier das 1. Deutsche Baumhaus-Hotel, ein Luxushotel wohlgemerkt.

Fazit:
Es ist eine alte Weisheit, die auch vom Baumhaushotel in Turisede bestätigt wird: Attraktivität und hohe Preise locken die besseren Kunden an, die nicht nur zahlungsfähig und zahlungswillig sind, sondern auch hohe Ansprüche stellen. Nur so aber kann man sich selbst resp. sein Unternehmen immer weiter entwickeln. Anders gesagt, nur kürzer: Auch dem staubtrockenen Betrieb eines Verkehrslandeplatzes würde etwas Professionalität und Emotionalität im Marketing guttun.

Der Autor hat 1994 die Unternehmensberatung Beier Consulting gegründet und sich im Verbund der Saxon Consulting Group auf die Strategie- und Organisationsentwicklung für leistungsfähige Unternehmen und andere Organisationen vor allem in Mitteldeutschland spezialisiert. In Vorträgen liefert er Wissen und Anregungen für Führungskräfte in Unternehmen, Verwaltungen, Verbänden und komplexen Organisationen wie etwa Krankenhäusern und bei anderen Gesundheitsdienstleistern.

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto: flyrtk / Rande Knapmiller, Pixabay License
  • Erstellt am 03.08.2021 - 09:04Uhr | Zuletzt geändert am 03.08.2021 - 09:55Uhr
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