Als Unternehmer loslassen können

Als Unternehmer loslassen könnenWeißwasser/O.L. / Běła Woda, 5. Oktober 2021. Von Tina Beier. Eines der großen Probleme in kleinen, vor allem Familienunternehmen ist es, wenn die Inhaberin oder der Inhaber nicht loslassen kann. Damit ist nicht der Rückzug aufs Altenteil gemeint, sondern die Angst vor einem Kontrollverlust.

Abb.: Der "Silberrücken" ist das symbolische Bild für den Unternehmenspatriarchen, der keine Verantwortung abgeben will und bis ins letzte Detail kontrolliert

Foto: Gerhard G., Pixabay License

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Zwei Facetten der Angst

Diese Angst, die Kontrolle über das Betriebsgeschehen zu verlieren, kann ein Unternehmen auf Dauer richtig lähmen. Sie hat zwei Facetten:

Die Angst vor Fehlern

Die eine ist die Angst davor, dass andere, die mit Aufgaben betraut werden, Fehler machen. Das führt im Extremfall zu einem regelrechten Kontrollwahn, der Mitarbeiter frustriert. Hintergrund ist oft ein leistungsorientierter Führungsstil, bei dem Chef oder Chefin von ihren Beschäftigten erwarten, dass diese mit dem gleichen Elan und Anspruch an Leistung und Makellosigkeit zu Werke gehen.

Nüchtern betrachtet ist das nicht realistisch, wie der langjährige Unternehmensberater Thomas Beier, der viele KMU auch im Landkreis Görlitz betreut hat, weiß: “Während Unternehmer für das Eigene, wie man so sagt, arbeiten, erledigen Angestellte ihre Arbeit für die Entlohnung. Dabei kommt es gar nicht darauf an, wie hoch die Vergütung ist, es reicht das Bewusstsein, für einen anderen zu arbeiten.” Das führe schnell zur weit verbreiteten Einstellung, “das geht auch so und ist gut genug” oder “das reicht so” – wie das letztendlich beim Kunden ankommt und das Image des Unternehmens beeinflusst, daran denken Mitarbeiter – nicht alle, aber etliche – gewöhnlich weniger.

Die Angst vor Verrat

Der zweite Aspekt ist die Angst vor Indiskretionen: Die Beschäftigten, nicht einmal Familienmitglieder, sollen die Zahlen des Unternehmens, also die betriebswirtschaftliche Situation nicht kennen. Dabei lässt sich das kaum verbergen, meint Beier: “Branche, Mitarbeiterzahl und ein Blick auf den Betrieb reichen oft, um der Geschäftsleitung den Umsatz und weitere Kennziffern ziemlich genau auf den Kopf zuzusagen.”

Und dennoch haben kleinere Unternehmen ein großes Problem, wenn sie Mitarbeiter einstellen und so entwickeln, dass sie diese mit verantwortungsvollen Aufgaben betrauen können: Oft genug sind die Betriebe dann nur das Sprungbrett in einen attraktiveren Job. Besonders ärgerlich für kleine und mittlere Unternehmer ist es, wenn sie mit viel Aufwand eigenen Nachwuchs ausbilden, nach der Lehre in eine Festanstellung übernehmen – und der oder die Angestellte vielleicht, wie ein betroffener Geschäftsinhaber berichtete, bei nächstbester Gelegenheit in die öffentliche Verwaltung wechselt, wo nach Tarif gezahlt wird und der Arbeitsplatz krisenfest ist.

Gegenstrategien kosten Arbeitsplätze vor Ort

Vor diesem Hintergrund entwickeln Unternehmen Gegenstrategien. Die eine ist, auf angestellte Mitarbeiter möglichst zu verzichten. In Anbetracht der in Deutschland sehr hohen Lohnnebenkosten – letztendlich muss das Unternehmen neben dem Nettolohn auch die Arbeitgeber- und die Arbeitnehmeranteile der Zahlungen an die Sozialversicherung erwirtschaften – ist das zumindest nachvollziehbar. Mit weniger beschäftigten erspart sich der Arbeitgeber zudem Führungsaufwand und unter Umständen aus dem hohen Arbeitnehmerschutz resultierende rechtliche Querelen.

Externe Dienstleister als Spezialisten

Den gleichen Effekt wie beim Ersatz von Mitarbeitern etwa durch Softwarelösungen erreicht man, wenn für Aufgaben, die sonst oft selbst erledigt oder mit denen Arbeitnehmer betraut werden, externe Dienstleister herangezogen werden. Manchmal erzwingen das sogar die Umstände, wenn man etwa an die Lohnrechnung denkt: Selbst mit einer guten Software, die ständig aktuell gehalten werden muss, fühlt sich so mancher auf diesem komplizierten Gebiet überfordert. Hier darf es keine Fehler geben, alles muss gesetzeskonform sein – die vielen Detailregelungen kann ein Einzelner wohl kaum überblicken.

Ein weitere Vorteil der Externen ist, dass man den Kopf frei bekommt. Klare Schnittstellen vereinfachen das Prozedere im Unternehmen ganz wesentlich, nichts bleibt liegen oder wird über Tage scheibchenweise bearbeitet und belastet damit Tag für Tag. Ist erst das Lohnkonto für die Lohnabrechnung eingerichtet, läuft die Zusammenarbeit mit dem Dienstleister wie von allein. Änderungen werden lediglich mitgeteilt, ganz unter dem Motto: Sollen die sich mal kümmern! Und spezialisierten Dienstleistern fällt das allemal leichter, als wenn man im eigenen Betrieb ständig selbst am Ball bleiben will.

Den Kopf freibekommen

Der Hintergrund für solche Maßnahmen ist sehr wichtig: Unternehmer brauchen den Kopf frei für ihr Geschäft. Sie müssen Chancen und Herausforderungen erkennen, Lösungen für Kundenanfragen finden und neue Ideen so aufbereiten, dass sie verkauft werden können. Wer sich stattdessen jedoch immer nur im Kleinklein der Routineaufgaben verliert, der fühlt sich zwar gut beschäftigt und wichtig, allerdings reißt dann irgendwann der Faden zum Marktgeschehen und schlank aufgestellte Unternehmen reißen das Ruder an sich.

Wer nun einwendet, dass externe Dienstleister Geld kosten, muss bedenken: Ein Unternehmen muss ausreichend hohen Umsatz machen, um Deckungsbeiträge und auf Dauer Gewinn zu erwirtschaften. Gewinn muss sein, denn nicht nur, dass ein Unternehmen, dass mangels Erfolg für längere Zeit keinen Gewinn macht und auch keine begründbare Aussicht darauf hat, vom Finanzamt den Kostenansatz entzogen bekommt, auch Investitionen und Steuerzahlungen zugunsten des Gemeinwohls sind ohne Gewinn nicht möglich. Kosteneinsparungen können zwar die Gewinnsituation verbessern, sind aber nicht ursächlich für den Gewinn. Um Gewinn zu machen, muss man Abnehmer finden, die die Produkte zu ausreichenden Preisen kaufen.

Anders und kürzer gesagt: Allein durch das Treten auf die Kostenbremse ist noch niemand zu Vermögen gelangt, dafür sind Einnahmen notwendig. Bestimmte Kosten in Kauf zu nehmen kann die Voraussetzung für höhere Einnahmen sein. Übrigens gibt es dabei auch einen sozialen Aspekt, denn erst mit dem nötigen Vermögen ist man in der Lage, Gutes zu tun.

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  • Quelle: TEB | Foto: blende12 / Gerhard G., Pixabay License
  • Erstellt am 05.10.2021 - 10:27Uhr | Zuletzt geändert am 05.10.2021 - 10:54Uhr
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