Den Wandel gestalten

Den Wandel gestaltenWeißwasser/O.L. / Běła Woda, 5. Juli 2021. Von Thomas Beier. Der Strukturwandel in der Oberlausitzer Wirtschaft kommt – ob man ihn nun proaktiv annimmt, über sich ergehen lässt oder den Wandel auf Nebenkriegsschauplätzen angeht. Wobei: Strukturwandel ist ein kontinuierlicher Prozess, in dem es zuweilen Sprünge gibt durch neue Technologien oder den Abschied von alten wie eben der Braunkohlenutzung.

Abb.: Strukturwandel in Görlitz-Hagenwerder. Die drei Braunkohlekraftwerke sind längst spurlos verschwunden, ein prosperierendes Gewerbegebiet entstanden. Ein Bagger am Rande des Berzdorfer Sees, des früheren Braunkohle-Tagebaus, erinnert an vergangene Zeiten, die für viele das Berufsleben ausmachten

Archivbild: Görlitzer Anzeiger

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Nichts gelernt aus den Neunzigern?

Thema: Strukturwandel

Strukturwandel

Bis 2038 will die Bundesrepublik aus der kohlebasierten Wirtschaft aussteigen. Das bedeutet das Aus für Kohlekraftwerke und Tagebaue und die Notwendigkeit, in den Revieren neue Wirtschaftsstrukturen zu etablieren.

Natürlich ist es der beste Weg, die Veränderung in der Wirtschaft – und damit auch im gesellschaftlichen Gefüge – zu mit Fachkenntnis gestalten. Eigentlich sollte man meinen, die Oberlausitzer – vor allem aber jene, die gern mit ihrem politischen Fähnchen zeigen wollen, wo es langgeht – hätten in den Neunzigerjahren, im großen Strukturumbruch im Zuge des Untergangs der alten Industrie, ihre Lektion gelernt. Offenbar nicht, betrachtet man die Feigenblatt-Aktionen, die der "Regionale Begleitausschuss der Lausitz" auf seiner Sitzung am 29. Juni 2021 beschlossen hat (Görlitzer Anzeiger vom 1. Juli 2021: Das soll der Strukturwandel sein?).

Die beschlossenen 38 Projekte jedenfalls waren im Sinne des Strukturwandels teils so absurd, dass es selbst für antragstellende Kommunen peinlich wurde und sich etwa die Oberbürgermeister von Weißwasser und Zittau veranlasst sahen, sich zu erklären, dass sie selbstverständlich zum Wohle ihrer Städte Fördermittel etwa für neue Rathaus-Telefonanlagen beantragt hatten und befürwortet bekamen, diese aber – sinngemäß – mit dem Wandel von Wirtschaftsstrukturen, besser gesagt dem Aufbau braunkohleunabhängiger Wirtschaftszweige, nichts zu tun haben.

Es geht um die Wirtschaft, nicht um Wohltaten

Im Beitrag "Der Strukturwandel und wir" habe ich darauf hingewiesen, dass der Strukturwandel vor allem eine unternehmerische Frage ist. Dabei geht es weniger darum, Fördergelder in die Unternehmen zu pumpen, sondern im ersten Schritt um die Analyse, wie sich der Abschied von der Braunkohle auf die einzelnen Unternehmen auswirken wird. Wo fallen Lieferbeziehungen weg, welche neuen Chancen tun sich auf?

Bei solchen Überlegungen brauchen Unternehmen gewöhnlich zwei Arten von Hilfestellungen:


    • Um nicht blind in der Suppe herumzustochern, ohne zu wissen, wo die Wurst schwimmt, bedarf es zugeschnittener Denksysteme, die zielgerichtet Lösungen produzieren. Hingegen ist der vielgehörte Ruf nach irgendwelchen Ideen – möglichst aus der Bevölkerung – naiv und regelrecht hanebüchen.

    • Zweitens braucht es Erfahrungsträger, die in der Lage sind, auf Unternehmen zuzugehen und dort als Partner im Wirtschaftsgeschehen akzeptiert werden. Bei allem Respekt und zurückhaltend ausgedrückt: Die sind sehr dünn gesät und nicht unbedingt vor Ort zu finden.

Kurz gesagt: Das Management der Veränderung beim Strukturwandel in der Region Weißwasser und in den mitteldeutschen Braunkohlerevieren insgesamt gehört in Expertenhand. Hier ist kein Platz für Laiendarsteller, Quereinsteiger und erst recht nicht für jene, die erst den Helfer und Partner mimen und dann einem Initiator ein Projekt aus der Hand nehmen.

Experten hätten jedenfalls keine Wünsch-Dir-was-Veranstaltung angesetzt, sondern vielmehr zuallererst die Frage gestellt, wie der Strukturwandel definiert werden soll, wen er betrifft und was die Ziele sind.

Den Schwarzen Peter will keiner haben

Viel wurde in den vergangenen Jahren über den Strukturwandel geredet und Engagement verbrannt, nun aber liegt das Kind im Brunnen und Verantwortliche berufen sich darauf, dass das Strukturstärkungsgesetz viele Bereiche wie eben Unternehmen ausschließe. Haben die Fördermittelprogrammausdenker in ihren Amtsstuben den Hebel schlichtweg am falschen Punkt angesetzt?

Wie im System der organisierten Verantwortungslosigkeit wird der Schwarze Peter herumgereicht, begleitet von Worthülsen wie dem "lernenden Prozess", so vom WochenKurier am 8. Juli 2021 gleich zweimal zitiert. Lernen können Menschen und ganze Organisationen, Prozesse jedoch können allenfalls verbessert werden. Das Maß der Expertise erkennt man halt auch an der Sprache.

Schon frühzeitig haben etwa Vertreter von Bündnisgrünen und FDP untaugliche Rezepte und fehlende Innovationen kritisiert. Die im Jahr 2019 angekündigte "Elektrifizierung der Eisenbahnstrecken" und der "Ausbau von Straßenverbindungen" ist an den Verbindungen zwischen Görlitz und Dresden vorbeigegangen, wie unlängst deutlich wurde. Zugute halten muss man allerdings, dass das hier eingesparte Geld in zwei Forschungszentren fließen soll, deren Effekte zumindest wohl mittelfristig die einer besseren Verkehrsanbindung übertreffen.

Wirtschaft muss Vorrang haben

Es ist zugegeben schwierig, in der Steuerung von Veränderungen harte Fakten und weiche Faktoren so einzusetzen, dass gewünschte Entwicklungen angeregt werden. Wenn aber nur Fördergelder verteilt werden, gibt es keine Motive für Veränderungen, wie sie auf dieser Webseite einer Change Management Beratung genannt werden. Die Veränderung muss von den Unternehmen ausgehen. Von deren Erfolg hängen Arbeitsplätze und infolge auch privates Glück, aber auch das Gewerbesteueraufkommen und damit die Handlungsfähigkeit der Kommunen zugunsten des Gemeinwohls ab.

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto: © Görlitzer Anzeiger
  • Erstellt am 08.07.2021 - 15:29Uhr | Zuletzt geändert am 08.07.2021 - 15:55Uhr
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