Risiken in Familienunternehmen

Risiken in FamilienunternehmenWeißwasser / Běła Woda, 8. Oktober 2020. Von Thomas Beier. Wohl kaum ein Beruf ist mit mehr Vorurteilen belastet als der des Unternehmensberaters – und das, obgleich diese Berufsbezeichnung im Grunde gar nichts aussagt über die konkrete Tätigkeit, die ausgeübt wird. Ob nun als Berater oder Coach, die Zahl der Fachgebiete und die Zielstellungen, die sich hinter dieser Tätigkeit verbergen, sind enorm. Im Landkreis Görlitz stehen oft Familienunternehmen im Fokus.

In Weißwasser und der Region im Norden des Landkreises Görlitz ist die Wirtschaft von familienorientierten Unternehmen – ob nun Einzelunternehmer oder Gesellschaften unterschiedlicher Rechtsformen – geprägt

Foto: © Weißwasseraner Anzeiger

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Als Berater sind vielseitige gebildete Multitalente gefragt

Als Berater sind vielseitige gebildete Multitalente gefragt

Das Gewerbegebiet Markersdorf bei Görlitz ist zum allergrößten Teil von familiär geprägten Unternehmen ausgelastet, die teils überregional ihre Leistungen erbringen oder liefern oder sogar nahezu weltweit exportieren

Foto: © BeierMedia.de

Abgesehen von den Vorurteilen ist einer der verbreitetsten Irrtümer in Bezug auf die Beratung von Unternehmen oder Unternehmensgründern: Der Berater weiß, wie es geht und so wird es dann gemacht. Das kommt schon vor, scheitert allerdings meist schnell, wenn der Beratene als letztendlicher Entscheider dem Beraterwissen und dessen Erfahrungen nicht folgt. Für Berater ist das eine höchst unangenehme Situation, denn wenn etwas schiefgeht, outet sich der Unternehmer gewiss nicht, wenn gefragt wird: Wer ist denn der Verantwortliche? Den Erfolg hingegen darf er guten Gewissens für sich reklamieren, denn dafür bezahlt er ja seine Berater.

In aller Regel verläuft eine Beratung jedoch ganz anders: Der Unternehmensberater verfügt über das Instrumentarium, mit dem er gemeinsam mit seinen Kunden brennende Probleme, die oft eher verborgen sind, herausfindet, um dann erfolgversprechende Handlungsoptionen zu erarbeiten. Wichtig dabei ist, alle Beteiligten und Betroffenen mit auf den Weg zu nehmen, damit Entscheidungen schließlich auf Akzeptanz stoßen.

Man kann sich leicht vorstellen, dass das nicht nur gegenüber Mitarbeitern gilt, sondern ganz besonders auch in Familienunternehmen: Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob Mutter oder Vater der Unternehmer sind und die gesamte Familie von dessen Entscheidungen abhängt oder ob vielleicht in der nächsten Generation ganze Familienstrukturen in einer unternehmerisch tätigen Gesellschaft verbunden sind.

In solch komplexen Zusammenhängen reicht es für Unternehmensberater nicht aus, über profunde betriebswirtschaftliche Kenntnisse zu verfügen. Wer beratend tätig sein will, braucht darüber hinaus viel mehr Wissen, nämlich Kenntnisse aus


    • dem Steuerrecht, ohne steuerberatend tätig zu sein,
    • dem Rechtswesen, hier insbesondere aus dem Erbrecht, ohne rechtsberatend tätig zu sein,
    • der Psychologie, ohne psychologisch beratend zu sein,

und all das gewürzt mit einer gehörigen Portion Berufs- und Lebenserfahrung. Nebenbei: Selbstverständlich sind auch die Unternehmer selbst gut beraten, wenn sie sich auf diesen Gebieten grundlegende Kenntnisse aneignen und generell gelegentlich über den Tellerrand des eigenen Geschäfts hinausschauen.

Risikobeispiel Existenzgründerin

Angenommen eine Frau, seit vielen Jahren verheiratet oder in einer stabilen Partnerschaft, möchte sich selbständig machen: Beispiele, in denen das erfolgreich gelingt, gibt es längst viele. Geht es nun um die Erstellung einer Gründungskonzeptes, sollte sich ein sorgfältiger arbeitender Unternehmensberater nach einer kurzen Plausibilitätsprüfung, die eine Aussage liefert, ob das Vorhaben wirtschaftlich und rechtlich – nicht jeder darf alles – überhaupt machbar ist, einer Frage zuwenden, die im Grunde gar nicht zur Gestaltung des künftigen Unternehmens gehört, aber dennoch von grundlegender Wichtigkeit ist: Wie geht die Familie mit der Existenzgründung um?

Hintergrund ist ein Fakt, der ganz besonders zu Tage tritt, wenn sich eben Frauen für die berufliche Selbständigkeit entscheiden – bei Männern hingegen passt er eher in das tradierte Rollenbild: Wer in die Selbständigkeit geht, verändert sich. Vor allem lernen Jungunternehmer sehr schnell zu unterscheiden, was tatsächlich wichtig und was eben unwichtig ist. Sehr schnell werden dann geschäftliche Belange als Existenzgrundlage viel wichtiger als familiäre Gewohnheiten und Erwartungen. Verstärkt wird dieser Konflikt dadurch, dass Unternehmer meist zeitlich länger arbeiten als Angestellte oder auch dazu neigen, unternehmerische und private Anlässe zu mischen, etwa bei der Geburtstagsparty eines Geschäftsfreundes. Auch wenn der kein Freund aus dem rein privaten Umfeld ist und vielleicht nicht einmal sonderlich sympathisch: Sehen lassen möchte man sich schon – und zwar mit Partner. Ob der aber Verständnis dafür aufbringt und sich dann auch noch in dieser Gesellschaft wohlfühlt? Während für die Unternehmerin der Partybesuch mit einem Ziel – und sei es nur der Erhalt der guten Geschäftsbeziehung – verbunden ist, hat ihr Partner kein Motiv, mit ihm vielleicht zudem noch unbekannten Personen zu feiern.

Konfliktäre Situationen, die wie hier zunächst nach einer kaum erwähnenswerten Kleinigkeit klingen, summieren sich auf und verstärken sich. Deshalb werden gute Unternehmensberater mit Existenzgründerinnen frühzeitig über deren familiäre Situation sprechen und die Risiken aufzeigen, wenn sie sich zu selbstbewussten Geschäftsfrauen entwickeln und der Pascha auf dem Sofa sich die Zeiten zurückwünscht, als die Frau noch vor allem für ihn da war und mit ihm gemeinsam den abendlichen Krimi geguckt hat. Wenn es ihm nicht gelingt, sich mit der Situation zu arrangieren, bleibt – und das ist eine durchaus häufige Erfahrung – nur noch die Trennung.

Risiken für Streit und Zerwürfnis bergen auch Strukturen – und das betrifft nicht nur Familien – in denen vorher Unbeteiligte zu Gesellschaftern werden, sich nach außen als Unternehmer präsentieren, aber sämtliche Aufgaben und Entscheidungen einem Geschäftsführer oder einer Geschäftsführerin anlasten. Schließlich will auch bedacht sein, wie der Unternehmensübergang im Ruhestand oder Todesfall erfolgen soll, ohne dass die Nachfolger bzw. Erben in Streit geraten oder gar das Lebenswerk gefährdet wird.

Schon allein diese Situationen zeigen, dass die Beratung für Familienunternehmen ein Feld mit besonderen Ansprüchen an Unternehmensberater oder Unternehmensberatungsgesellschaften ist.

Familienunternehmen vor Ort kennen soziale Verantwortung

Familienunternehmen sind das Rückgrat des deutschen Mittelstands, selbst manche Konzerne liegen zu großen Teilen in den Händen einer Eigentümerfamilie. Schaut man sich im Landkreis Görlitz um so zeigt sich, dass es oft die mittelständischen Familienunternehmen sind, die sich im besonderen Maße für ihre Mitarbeiter verantwortlich zeigen. Oft stammen die Inhaber aus dem Ort des Unternehmenssitzes und kennen deshalb sehr genau ihre soziale Funktion als Arbeitgeber und nehmen diese im Rahmen ihrer wirtschaftlichen Möglichkeiten wahr.

Um auf die Vorurteile gegenüber Unternehmensberatern zurückzukommen: Oft wird um Arbeitsplätze gefürchtet, wenn Berater im Betrieb auftauchen. Im sächsischen Mittelstand ist die Erfahrung jedoch eine ganz andere: Immer wieder wird gerade in familienorientierten Unternehmen danach gefragt, wie man Wandelprozesse durchstehen kann, ohne Arbeitsplätze zu gefährden. Dass das im einsetzenden Strukturwandel weg von der carbonbasierten Industrie – also vor allem dem Aus für das Braunkohlekraftwerk Boxberg/O.L. und für die Tagebaue samst den jeweils abhängigen Dienstleistern – im Landkreis Görlitz so gestaltet wird, darauf kann man nur hoffen.

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  • Erstellt am 08.10.2020 - 11:06Uhr | Zuletzt geändert am 08.10.2020 - 13:07Uhr
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