Strukturwandel? Das heißt vor allem, in eigener Sache aktiv zu werden

Strukturwandel? Das heißt vor allem, in eigener Sache aktiv zu werdenWeißwasser / Běła Woda, 17. September 2020. Von Thomas Beier. Die Kinder der Generation, die den sich über mehr als ein Jahrzehnt hinziehenden – und vielerorts noch heute anhaltenden – Strukturwandel nach dem Zusammenbrauch der "DDR" und dem Ausverkauf der als Volkseigene Betriebe bezeichneten staatlichen Wirtschaft erlebt hat, schauen dem nächsten Strukturwandel, der im Zusammenhang mit dem Braunkohleausstieg angekündigt ist, entsprechend misstrauisch entgegen.

Die Schwimmhalle in Weißwasser ist eigentlich inzwischen zu groß für die Stadt

Archivbild: © BeierMedia.de

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Wie wird er aussehen, der Arbeitsmarkt des Jahres 2038?

Wie wird er aussehen, der Arbeitsmarkt des Jahres 2038?

Einrichtungen wie der "Kleine Galerie" sind für die Weißwasseraner Stadtgesellschaft besonders wichtig

Foto: © BeierMedia.de

Das Misstrauen gegenüber dem bevorstehenden Strukturwandel existiert nicht ohne Grund: Wenn das Kraftwerk Boxberg/O.L. als eines der letzten vom Netz geht, soll hier eine Forschungseinrichtung für Carbonfasern angesiedelt werden. Sowohl in der Zahl der Arbeitsplätze als auch in den Qualifikationen dürften jene, die heute um die Mitte Dreißig sind und im Kraftwerk oder den Tagebauen arbeiten, vorsichtig ausgedrückt im Arbeitsmarkt des Jahres 2038 nicht die besten Karten haben. Die seit den Neuzigerjahren deindustrialisierte Region – allein in der Kohle- und in der Glasindustrie sind tausende Arbeitsplätze verloren gegangen – wird nicht binnen weniger Jahre zum Chancenland werden. Allein die Stadt Weißwasser hat mehr als die Hälfte ihrer Einwohner verloren, die Einwohnerzahl sank von mehr als 38.000 im Jahr 1990 auf nunmehr reichlich 16.000 Uhr.

Weggegangen sind die Jüngeren, die Flexiblen. Und die gut Ausgebildeten. Der Weißwasseraner Oberbürgermeister Torsten Pötzsch verweist im auf modellfall-weisswasser.de veröffentlichten Interview darauf, dass Unternehmen "auf Sicht gegen den Baum gefahren" und den Beschäftigten Jobs am Hauptfirmensitz in den alten Ländern angeboten wurden. Vorwerfen kann man das Abwerben von Know-how und Menschen übrigens niemandem, alle Beteiligten haben sich der neuen Wirtschaftsordnung entsprechend logisch verhalten.

Und dass die Menschen der Arbeit hinterherziehen, davon hat Weißwasser einst selbst profitiert: Nennenwert sind die Zuwächse, die mit dem Aufschwung der Glasindustrie einhergingen, so etwa zwischen 1899 und 1905, als die Einwohnerzahl von 1.929 auf 9.327 stieg, und zwischen 1970 und 1980, als sie von reichlich 19.000 auf knapp 31.000 kletterte. Ein Rolle spielte dabei das Kraftwerk Boxberg/O.L., das Mitte der Sechzigerjahre neben dem Kernkraftwerk Greifswald das größte Kraftwerk der "DDR" und das größte Braunkohle-Kraftwerk in Europa war – rund 4.600 Beschäftigte hatte es zu dieser Zeit. Der Preis für diesen Aufschwung war freilich hoch, neben der Umweltzerstörung durch die Tagebaue waren die Braunkohlekraftwerke – nicht nur in der "DDR" – wahrhafte Dreckschleudern, wie sie der Volksmund nannte. Noch im Jahr 2013 spuckte das Kraftwerk Boxberg/O.L. 19.234.768 Tonnen an Gasen in die Atmosphäre, ergänzt um 460 Tonnen Feinstaub, 370 kilogramm Quecksilber, 324 Kilogramm Blei und Bleiverbindungen und 58 Kilogramm Arsen und Arsenverbindungen, um nur einige der Zahlen zu nennen (Quelle: Wikipedia). Im Jahr 2011 verursachte dieses Kraftwerk die elfthöchsten Schadenskosten für Umwelt und Gesundheit unter den 28.000 größten europäischen Industrieanlagen (Quelle u.a.: Europäische Umweltagentur, Kopenhagen / EEA Technical report No 15/2011).

Dennoch: Werden den Beschäftigten der Braunkohlewirtschaft keine adäquaten Alternativen geboten, müssen sich diese ihre Alternativen selbst suchen oder aufbauen. So wünschenswert es auch wäre: Wieder einmal wird für viele die Zukunft nicht im Landkreis Görlitz liegen, so wie schon damals im Süden des heutigen Landkreises, als die Textilindustrie zum allergrößten Teil den Bach runterging. Die Erfahrung, dass es mit einem Job, wie man ihn gewohnt war, nie wieder etwas werden würde, dämmerte etlichen der Daheimgebliebenen erst nach Jahren. Entsprechend tut es heute Not, sich schon jetzt mental auf den Wandel einzustellen.

Doch welche Optionen gibt es, sein Berufsleben zu verändern?


    • Sich als Existenzgründer resp. Existenzgründerin oder als Familienunternehmen selbständig zu machen, dürfte für nur wenige eine Option sein. Anders als zu Beginn der Neunzigerjahre, als die Karten neu verteilt wurden, sind heute viele Wirtschaftsstrukturen eingespielt und neue Anbieter haben in vielen Bereichen kaum eine Chance.

    • Sich schon jetzt bei einem Arbeitgeber in der Region, der unabhängig von der Braunkohle ist, bewerben? Der Effekt für die meisten der heute in der Braunkohle- und Energiewirtschaft Beschäftigten wäre ein frühzeitiger Lohnverzicht und mehr Unsicherheit in Bezug auf den Arbeitsplatz.

Und so zeigt sich, wie fast zwangsläufig der Wegzug in eine prosperierende Region als einzige Option verbleibt. Doch auch woanders ist der berufliche Neuanfang nicht unbedingt einfach: Leistung will erst einmal bewiesen sein und sich auf eine andere Unternehmenskultur und ein generell anderes soziales Miteinander einzustellen erweist sich oft genug als eine größere Hürde als gedacht. Auch wenn es mancher als Abstieg empfinden mag: Der berufliche Neuanfang über eine Zeitarbeitsfirma ist besser, als die Lage durch Abwarten schleichend zu verschlechtern. Da ist es interessant, dass etwa die DEKRA Arbeit Gruppe den Anspruch hat, den Mitarbeiterbedarf der Unternehmen mit attraktiven Jobperspektiven für Zeitarbeitnehmer zu verknüpfen. Sich zu informieren, etwa bei der DEKRA Arbeit Zeitarbeitsfirma Stade, kostet nichts, man entwickelt aber nach und nach ein Gefühl für den Arbeitsmarkt in den jeweiligen Regionen, in diesem Fall in der Metropolregion Hamburg.

Die andere Seite: Klar sollte man sich regelmäßig über die Stellenausschreibungen des Landratsamtes, der Pflegedienste, des Kreiskrankenhauses, des Porenbetonwerk oder des Glaswerks und anderer mehr informieren. Erwartet werden allerdings oftmals Bewerber mit speziell zugeschnittenen Kenntnissen und Erfahrungen, außerdem freuen sich Arbeitgeber oft – obgleich sie das aus rechtlichen Gründen nie zugeben würden – über junge Mitarbeiter, die noch formbar und ohne ausgerägtes Anspruchsdenken sind.

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  • Quelle: red | Fotos: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 21.09.2020 - 16:30Uhr | Zuletzt geändert am 08.10.2020 - 13:36Uhr
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