Arbeiten im Netzwerk: Soloselbständige und der Arbeitsmarkt

Arbeiten im Netzwerk: Soloselbständige und der ArbeitsmarktWeißwasser / Běła Woda, 17. September 2020 Von Thomas Beier. In der Coronakrise ist ein Begriff aus der Wirtschaftswelt stärker in die Aufmerksamkeit gerückt: Soloselbständige. Gemeint sind damit Unternehmer, die ohne sozialversicherungspflichtige Angestellte arbeiten. Sie agieren fast immer in der Rechtsform des Einzelunternehmers, sowohl als Gewerbetreibende wie auch als Freiberufler. Ihre Relevanz für den Arbeitsmarkt ist höher, als vielleicht der erste Eindruck vermittelt.

Die Region Weißwasser hat mehr Wirtschaftspotential als es auf den ersten Blick scheinen mag – und damit sind ganz gewiss nicht nur die nahen "Polenmärkte" wie hier beim Blick über die Neiße nach Lugknitz / Wjeska (Łęknica) gemeint

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Auch ohne Angestellte wichtig für den Arbeitsmarkt

Aufmerksamkeit erhielten die Soloselbständigen, weil sie – vor allem in künstlerisch-kreativen Bereich – ihre Leistungen ohne nennenswerte eigene Kosten erbringen und ihre Honorare zum größten Teil unmittelbar in die Lebenshaltung fließen. Das ist unternehmerisch gesehen eine bedenkliche Konstellation, sind doch die betrieblichen Einnahmen, die unter diesen Bedingenen zeitnah für Privatausgaben genutzt werden, mit nachträglichen Ausgaben belastet: Erst im Zeitabstand fallen etwa Steuern und gegebenenfalls von den Einnahmen abhängige Kassenbeiträge an, im gewerblichen Bereich will die Mitgliedschaft in der Industrie- und Handelskammer oder Handwerkskammer bezahlt sein. Bestehen nur geringe betriebliche Ausgabenbelastungen, so gilt dennoch oft die Faustregel, mindestens die Hälfte der Nettoeinnahmen für zu erwartende Belastungen und als Liquiditätsreserve erst einmal beiseitezulegen.

Ausbeutung an der Tagesordnung

Soloselbständige sehen sich oft genug mit ausbeuterischen Verhältnissen konfrontiert. Wer etwa als Selbständiger für Bildungsträger arbeitet, die oft genug mit öffentlichen Geldern fürstlich bezahlt werden, muss bildlich gesehen noch Geld mitbringen, um arbeiten zu dürfen. So sollten etwa in einem dem Weißwasseraner Anzeiger vorliegenden Fall 160 Euro für ein Tagesseminar gezahlt werden – inklusive Pkw-Fartkosten über rund 160 Kilometer und Rechteüberlassung an allen Unterlagen, Vorbereitungszeit und natürlich der eigentlichen Seminardurchführung. Wer sich auf so etwas einlässt, braucht sich nicht zu wundern, in der Krise ohne alle finanziellen Reserven dazustehen. Auch in anderen Tätigkeitsbereichen von Soloselbständigen finden sich prekäre Verhältnisse, die außerdem dadurch verstärkt werden, dass viele Selbständige nicht tagtäglich ausgelastet sind. Oftmals können die Familien der Unternehmer nicht damit umgehen, wenn Auslastung und Einkommen ständig schwanken, was zusätzliche Probleme zu Hause erzeugt.

Auftragsnetzwerke oft überlebenswichtig

Außerdem sehen sich Soloselbständige gelegentlich mit dem Vorurteil konfrontiert, als Unternehmer nicht sonderlich relevant zu sein, weil sie Angestellten haben und deshalb angeblich keine Wirkung für den Arbeitsmarkt haben – was ein großer Irrtum ist! Soloselbständige arbeiten auch in den kreativen Berufen in vielen Fällen nicht nur hochgradig vernetzt, sondern vergeben Aufträge an andere Selbständige. Diese erzielen damit ein Einkommen und sichern ihre selbständige Existenz, was den Arbeitsmarkt entlastet. Besonders deutlich wird das am Beispiel des Filmemachers, von dessen Arbeit nicht nur der Cutter, der Toningenieur und der Technikverleiher, sondern noch andere mehr leben. In anderen Fällen vergeben Musiker Werbeaufträge, tragen zur Auslastung etwa von Tonstudios bei und sich nicht zuletzt eine der Geschäftsgrundlagen für die Veranstaltungsbranche.

Allerdings ist die Annahme, dass in solchen Strukturen nun jeder mit jedem kooperiert, ebenfalls falsch. Netzwerke unter Selbstständigen folgen ganz anderen Gesetzmäßigkeiten, die etwa mit einer “Visitenkartenparty” als Ausgangspunkt einer Zusammenarbeit nichts zu tun haben. Im Landkreis Görlitz legte vor allem in den Jahren von 2009 bis 2011 das "NBS Netzwerk Berufliche Selbständigkeit" mit seinen Unternehmertreffen für Kleinstunternehmen Grundlagen für noch heute bestehende Kooperationsstrukturen.

Soloselbständige müssen sich um ihre Effektivität kümmern

Wichtig für Soloselbständige – wie für andere Betriebe auch – ist es, sich um ihre Effektivität zu kümmern. Effektiv zu arbeiten heißt, das Richtige zu tun. Priorität hat dabei die Konzentration auf Leistungszeiten beziehungsweise Leistungen, die vergütet werden, also in Rechnung gestellt werden können. Was selbstverständlich klingt, ist es nicht: Oft ist es so, dass die bezahlte Zeit nicht einmal die Hälfte der Arbeitszeit des Selbständigen ausmacht – und das oft genug bei exorbitant langen Arbeitszeiten.

Der Rest der Arbeitszeit ist ausgefüllt mit dem, was auch getan werden muss, aber niemand bezahlt. Nicht bezahlt werden beispielsweise die Kontaktanbahnung zu und die Akquisition von Kunden, die Bearbeitung von Kundenanfragen und Reklamationen, Abstimmungen mit Kooperationspartnern, der Aufwand für die notwendigen geschäftlichen Aufzeichnungen wie die Verwaltung des eigenen Betriebes insgesamt. Wer es selbst erledigt, braucht Zeit für die Umsatzsteuererklärung, die Steuererklärung selbst und gegebenenfalls die gesonderte Einreichung von Auslandsrechnungen.

Für diese gern als “Bürokratie” eingestuften Tätigkeiten, besonders wenn sie einem nicht liegen, einen Buchführungshelfer oder ein Steuerbüro heranzuziehen, ist nicht die schlechteste Idee. Das kostet zwar Geld, macht aber Kopf und Zeit frei für den eigentlichen Geschäftszweck, mit dem man sein Geld verdient. Auch andere Tätigkeiten muss man nicht zwangsläufig selbst erledigen. Wer etwa Angestellte – ob nun Minijobber, Teilzeit- oder Vollzeitstelle – beschäftigt, sollte in aller Regel die Gehaltsabrechnung outsourcen. Wie in den steuerlichen Belangen hilft das Outsourcing in dieser komplizierten Materie, die ohne eine spezielle und stets aktuell gehaltene Software kaum zu bewältigen ist, Fehler und daraus resultierende unangenehme Prüfungen durch eine Behörde zu vermeiden.

In der spezialisierten Wirtschaftswelt können andere vieles besser

Doch auch die Befreiung von ganz allgemeinen Bürotätigkeiten kann den geschäftlichen Erfolg voranbringen. Die Dokumentenablage auf aktuellem Stand halten, den Schriftverkehr und Anträge formulieren, Anfragen entgegennehmen oder telefonisch Kontakte neu aufnehmen und pflegen – auch all das können externe Dienstleister oft besser als der oder die vor allem fachlich versierte Selbständige selbst. Schon vor einigen Jahren hatte der Görlitzer Anzeiger einen vor allem im Landkreis Görlitz, aber auch im Landkreis Bautzen tätigen Büroservice vorgestellt.

Wie gesagt, externen Service in Anspruch zu nehmen, kostet Geld. Die andere Seite: Die Entlastung, die ein externer Dienstleister mit sich bringt, bezieht sich ja nicht allein auf die eingesparte unmittelbare Arbeitszeit, denn Fehlervermeidung, weniger Rückfragen, der Input von Fachwissen und unter Umständen die Einsparung von Platz für Unterlagen schlagen ebenso zu Buche.

Unter dem Strich zählt Lebensqualität

Und noch etwas: Viele Selbständige erledigen den “Bürokram” abends oder am Wochenende. Tatsächlich sind viele froh, am Wochenende wenigstens einen halben Tag für sich und die Familie zu haben. In solchen Fällen scheint die viel zitierte Work-Life-Balance arg verschoben, von Lebensqualität kann keine Rede sein. Dem entgegen sieht das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in der Work-Life-Balance einen Motor für wirtschaftliches Wachstum und gesellschaftliche Stabilität.

Nach welchen Prioritäten Selbständige ihr Geschäft gestalten, haben sie grundsätzlich und auf Dauer gesehen selbst in der Hand. Die Frage ist weniger, wie das Geschäft heute funktioniert, sondern wodurch der Arbeitsalltag künftig gekennzeichnet sein soll.

Der Autor lebt und arbeitet als freiberuflicher Unternehmensberater und gewerblicher Medienunternehmer in der Oberlausitz.

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  • Quelle: red | Foto: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 17.09.2020 - 06:34Uhr | Zuletzt geändert am 08.10.2020 - 13:40Uhr
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