Die Geschichte der Aufzeichnungen seit der Antike

Die Geschichte der Aufzeichnungen seit der AntikeWeißwasser / Běła Woda, 24. Februar 2021. Oftmals kommt der Gedanke hoch, dass das Schreiben eines Tagebuchs pubertierenden Mädchen vorbehalten sei. Aber dem ist ganz und gar nicht so: Schon seit der Antike sind derartige Aufzeichnungen zu finden, schon die Sumerer im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris – das liegt im heutigen Irak – hielten im dritten Jahrtausend v. Chr. auf Tontafeln in Keilschrift ihren Alltag wie etwas das Wetter oder die Marktpreise fest.

Abb.: Tagebuch-Varianten: Manche bevorzugen es, Notizen in einem Heft oder mit Hilfe eines Mobilgeräts zu machen, um diese später zu bearbeiten und quasi in Reinschrift ins eigentliche Tagebuch zu übertragen

Symbolfoto/Bildquelle: Edar, Pixabay License

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Historische Tagebücher ergänzen das Geschichtsbild

Vor allem seit dem Mittelalter sind Chroniken erhalten geblieben. In dicken Bänden sind wichtige politische und gesellschaftliche Ereignisse aufgezeichnet worden, Logbücher berichten über die frühen Seefahrer. Doch erst in der Renaissance, also der Zeit des Umbruchs aus dem Mittelalter in die Neuzeit im 15. und 16. Jahrhundert, begannen die Menschen, Geschehnisse aus der ihrer ganz persönlichen Sicht zu schildern.

So geben uns heute Tagebücher und andere persönliche Aufzeichnungen seit jener Zeit einen tiefen Einblick in das Leben der Menschen – ebenso, wie es heutige Aufzeichnungen künftigen Generationen ermöglichen werden. Berühmte Tagebuchschreiber der jüngeren Vergangenheit sind Walter Kempowski, Franz Kafka, Selma Lagerlöf, Virginia Woolf, Thomas Mann, Erich Kästner oder auch Anne Frank – die Liste der Autoren ist schier unendlich lang.

Allein das Tagebuch der Anne Frank wurde in mehr als 70 Sprachen veröffentlicht und vermittelt uns auch heute noch einen tiefen und bewegenden Einblick in die Zeit des Nationalsozialismus in den besetzten Niederlanden und den dramatischen Versuch, in dieser Zeit zu überleben.

Welche Wirkung hat das Schreiben eines Tagebuchs für den Einzelnen?

Das Niederschreiben von Geschehnissen und den damit verbundenen Gefühlen in einem Tagebuch geschieht in der Regel ohne das Ziel, diese zu veröffentlichen. Zwar denkt so mancher bereits frühzeitig an die Veröffentlichung seiner Memoiren und sieht sein Tagebuch – auch als Kalender geführt – als spätere Fundgrube, aber für die meisten ist es wohl vor allem ein Instrument der Selbstreflexion. Werden nicht nur Tagesabläufe und Erfahrungen, sondern auch Ängste und Wünsche aufgeschrieben, werden die Vorgänge deutlicher und nachvollziehbarer, denn die Schriftform erzwingt eine gewisse Klarheit des Ausdrucks – diffuse Sichtweisen lassen sich nicht in Worte fassen.

Da Tagebuchaufzeichnungen regelmäßig sehr persönlich und in Bezug auf die Sichtweise des Schreibers ehrlich sind, müssen andere, etwa Erben oder Nachlassverwalter, respektvoll damit umgehen. Ohne Zustimmung Tagebücher lebender Personen zu lesen, gehört sich einfach nicht.

Hinweise für Tagebuchschreiber

Tagebücher sind in unterschiedlichen Formen anzutreffen. Eine knappe ist etwa der gut geführte Kalender, in dem neben geplanten Terminen am Tagesende vermerkt wird, was wirklich geschehen ist. Ebenso knapp – allerdings nicht täglich geführt, dafür aber oftmals emotional anregender – ist das ausführlich kommentierte und vor allem datierte Fotoalbum.

Anders hingegen das klassische Tagebuch, das vom Text lebt und, wenn überhaupt, nur sehr spärlich mit Skizzen oder Fotos illustriert ist. An einer Stelle scheiden sich die Geister grundlegend: Ist ein fest gebundenes Tagebuch von Vorteil oder ein Ringbuch von Vorteil? Für das fest gebundene Buch spricht die höhere Authentizität, denn einzelne Blätter können nicht mehr korrigiert werden, indem man sie austauscht. Andererseits verschleißen solche Bücher und werden unansehnlich, wenn sie nicht nur am Schreibtisch, sondern in unterschiedlichsten Lebenslagen geführt werden.

Für das Ringbuch spricht, dass die Blätter auch ohne Buch, etwa in einem Schreibblock, beschrieben werden und dann im Ringbuch abgelegt werden können. Das hilft Anfängern, denn schon manches Buch wurde nach den ersten beschriebenen Seiten nicht weitergeführt. Außerdem ist es bei einem Ringbuch einfach, zeitgeschichtliche Dokumente wie Zeitungsausschnitte nachträglich einzufügen. Nicht zuletzt können die Blätter wieder entnommen werden, was da Kopieren oder Einscannen maßgeblich vereinfacht.

Tipps für Ringbuch-Verwender:


    • Es empfiehlt sich, die Seiten zu nummerieren.
    • Einen Speziallocher für Ringbuchblätter erhält man im Schreibwarenfachhandel.
    • Manche Anbieter ermöglichen es, auf den Deckel von Büchern, die in Leinen eingebunden sind, einen individuellen Schriftzug einzuprägen – farblos oder etwa im Gold- oder Silberfarbton.

Eher abzuraten ist von digitalen Tagebüchern: Dateien können "verschwinden" und ohne entsprechende Sicherungen auf einfache Weise unbefugt eingesehen, anderen zugänglich gemacht oder vervielfältigt werden. Wer allerdings die Öffentlichkeit – In aller Regel besser nicht! – sofort einbeziehen möchte, kann über einen Weblog (von Web-Logbuch), kurz Blog genannt, nachdenken. In den Anfängen hatten solche Blog tatsächlich Tagebuchcharakter, heute werden sie von sogenannten Bloggern jedoch fast ausschließlich für Texte zu bestimmten Themen genutzt.

Tagebücher sind heute womöglich die letzte Bastion des Schreibens von Hand! Allerdings bitte leserlich, muss angemerkt werden für alle, die diese Kultur pflegen möchten.

Die Corona-Pandemie: Anlass für ein Tagebuch

Spätere Generationen werden fragen, warum sich die Menschen in der Pandemie so verhalten haben, wie wir es heute erleben – und selbstverständlich auch, weshalb nicht anders. Tagebücher können hier aus der Sicht des Einzelnen aufklären. Die Pandemie ist für viele eine Zeit der Isolation oder sogar der existentiellen Bedrohung. Diese Zeit wird in die Geschichtsbücher eingehen und es wird interessant sein, der dann vorherrschenden Lehrmeinung Tagebuchaufzeichnungen gegenüberzustellen.

Schon die Geschichte der “DDR”, die erst eine reichliche Generation zurückliegt, zeigt, wie schnell das Vergessen und die Verklärung einsetzen. Schon jetzt müssen sich Schüler in einem Jugendgeschichtsprojekt erarbeiten, was für Ältere erst kurze Zeit zurückzuliegen scheint. Das zeigt: Die Corona-Pandemie ist es wert, in ihren Wirkungen und Zweifeln festgehalten zu werden – für die gegenwärtige Generation, um sich zu verorten, und für die Kinder und deren Nachkommen, damit sie verstehen, was geschah.

Christine K. (alle Namen geändert) hat den Weißwasseraner Anzeiger Einblick in ihr Tagebuch nehmen lassen und war so freundlich, der Veröffentlichung von redaktionell gekürzten Passagen zuzustimmen:

10.03.2020
Ein Virus verbreitet sich, man spricht von einer gefährlichen Pandemie. Das Virus kommt aus China. Vater geht es gar nicht gut.

16.03.2020
Vater liegt im Krankenhaus. Die ganze Familie hofft für ihn. Besuchen darf ich ihn wegen der Ansteckungsgefahr nicht.

25.03.2020
Vater ist gestorben. Ich habe ihn nicht mehr sehen können.

01.04.2020
Heute ist die Beerdigung. Ich darf nicht hinfahren. Auch Mama sagt, Kind, es ist zu gefährlich, bleibe, dort wo du bist, Dein Bruder unterstützt mich.

04.04.2020
Mama ist sehr tapfer. Sie macht alles gut, die Familie hält zusammen, was für ein Trost. Das gibt mir Kraft.

10.04.2020
Erich (Name geändert) hat versucht Toilettenpapier zu kaufen und ich habe tüchtig gelacht, denn die Regale waren nämlich leer. Warum jagen alle dem Klopapier hinterher? Meine Schwester hat mir aus München Hartweizengrieß geschickt. Den brauche ich zum Backen, hier war er ausverkauft.

13.04.2020
Ich koche viel ein. Man weiß ja nie. Ich denke an Großmutter, die immer ein kleines Faß mit Zucker und eins mit Salz hatte, falls wieder Krieg ist.

15.04.2020
Ich vermisse unsere Kinder. Warum wohnen wir nur alle so weit voneinander entfernt?

30.05.2020
Wir haben ein Enkelkind!! Mutter und Kind sind gesund, der Vater stolz. Wir sind sehr glücklich.

15.09.2020
Ediths Tochter ist gestorben. Ich habe für sie eine Rose gepflanzt in unserem Garten. Sie ist gelb und sehr fröhlich, genau wie das Kind immer war. Ich werde die erste Blüte trocknen und in das Tagebuch kleben.

03.01.2021
Liebes Tagebuch, lange habe ich nicht geschrieben, es ist ein auf und ab mit der Pandemie. Wird sie jemals enden und wird alles wieder wie vorher? Ich glaube es nicht. Wie wird sich das weiterhin finanziell auswirken? Viele haben kein Geld mehr. Ich bin sehr besorgt, versuche aber positiv zu bleiben. Wir sind gesund und kommen zurecht. Ich möchte auf das schauen, was gut ist.

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  • Quelle: TEB | Foto: Edar, Pixabay License
  • Erstellt am 24.02.2021 - 16:11Uhr | Zuletzt geändert am 24.02.2021 - 17:13Uhr
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